Oktober 1977 – Die letzten Tage der Straßenbahn in Hagen.
Erinnerungen und Aufzeichnungen des Werkstattpersonals, aufbereitet durch Mitarbeiter von tram-info.
Lange geisterten Gerüchte um das mögliche Ziel der letzten noch vorhandenen 12 Straßenbahnwagen, man hörte schon gar nicht mehr so richtig hin, nachdem Verkäufe nach Aspen, zur END oder nach Zaragossa nicht zustande gekommen waren. Eigentlich wären die Betriebe in Würzburg und Innsbruck prädestiniert gewesen - allerdings hätte man dann auch die letzten fünf Großraumwagen mitkaufen müssen und das stand bei beiden Betrieben nicht zur Diskussion, wenn diese überhaupt vom Vorhandensein der restlichen Wagen Kenntnis hatten. Hatte die Hagener Straßenbahn die letzten 20 Wagen zum Schnäppchenpreis weit unter Wert verkauft, wollte sie für die restlichen 11 Wagen unverhältnismäßig viel erzielen, dazu waren die Großraumwagen als Teilespender dann zu teuer. Mit der Zeitungsmeldung vom 4.8.1977 war es dann raus: die letzten Wagen sollten an die GSP in Belgrad gehen. Hier stand wohl die Entscheidung an, ob man den Fuhrpark mit West- oder Ostprodukten zukünftig grundlegend erneuern sollte. Dies war zumindest die Info, die Anton Fenk von der GSP uns gab, als er zu einem Schulungsbesuch in Hagen weilte und von Günter Bösterling in die Wartung der DÜWAG Antriebe sowie in die Trennung der Gelenkwagen eingewiesen wurde.
Im Laufe des September wurden alle Wagen in der Minervastraße einer kleinen Durchsicht unterzogen, z.B. die Löschkammern der Fahrschalter ausgeblasen sowie kleine Lackarbeiten vorgenommen. Ab Ende September sollten die Wagen dann in zwei Chargen, zusammen mit den letzten noch vorhandenen Ersatzteilen sowie den Unterwerken Kapellen- und Ophauser Straße, Vogelsang und Stadtmitte, so problemlos auszubauen, verladen werden. Nachdem die Großraumwagen 50,51,53,55 und 56, die einst den „Schmuck der Vorortbahn“ darstellten und das moderne und bequeme Erscheinungsbild der Linie 11 begründeten, sowie der erste im Dezember 1959 gelieferte 6-Achser Hagen bereits in Richtung Balkan verlassen hatten, stand der Rest an. Dieser bestand aus den Wagen 61 (ebenfalls von 1959), 82/83 (1964), sowie der beiden erst 1968 bereits als Einmannwagen gelieferten GTW 84/85. Davon soll hier aus der Sicht von Zeitzeugen berichtet werden.
Montag, 10. Oktober gegen 10.00: GTW61 wird in wenigen Minuten die Gleise des ihm seit 1959 vertrauten Schienennetzes verlassen und von ATW327 über ein Zwischenstück auf einen Güterwagen für seine Reise nach Belgrad verschoben.
Die Verlademannschaft ist ein seit langem eingespieltes Team altgedienter Kollegen aus den ehemaligen Abteilungen Gleis- und Fahrleitungsbau sowie der Hauptwerkstatt, die seit knapp einem Jahr im Busbetrieb eingesetzt sind. Die zum Verschub benötigten Schienen werden mit Hölzern unterfüttert und zentimetergenau ausgerichtet, damit der Wagen nachher mittig auf dem Waggon zu stehen kommt.
Zwar muß mit Hilfe von acht Hydraulikhebern der Wagen noch angehoben werden, um die Schienen darunter zu entfernen und sie auf paßgenauen Hölzern abzusetzen sowie abschließende Verzurrarbeiten erledigt werden, aber die Kollegen Oehm und Streppelmann besprechen bereits mit dem Lademeister der DB das weitere Vorgehen für den Rest der Woche.
Dienstag, 12. Oktober gegen 22.00: Nachdem tagsüber GTW82 verladen wurde, wird am Abend der nächste Wagen vom ehemaligen Gleisbau- und Vorortbahndepot in der Minervastraße abgeholt. Der eigentliche Verschub zur Laderampe erfolgt in den späten Abendstunden, um den Verkehr auf der Bundesstraße nicht zu stören. Da die Gleisanlagen schon seit 1972 nicht mehr gewartet werden, die Weichen im Mai 1976 nur provisorisch wieder benutzbar gemacht worden sind, müssen deren Zungen durch flache Holzklötze festgesetzt werden. Karl Theimann, Hans Laven und der „rostige Benner“ (der Spitzname kommt von seinem roten Schopf und seiner Reibeisenstimme) mühen sich unter den Augen von Manfred Streppelmann redlich ab.
Der nächste Wagen ist angekuppelt und wird bis kurz vor die Einmündung in die Wehringhauser Straße gezogen. Hier wird der Arbeitswagen wieder abgekuppelt um umzusetzen. Er muss den Verladekandidaten nach Kückelhausen schleppen, damit er ihn nach Passieren des Gleiswechsels in Höhe der Spedition Schenker in Richtung Laderampe drücken kann.
Turmwagen 530 im Hintergrund mit Kurt Sips am Steuer sichert das Ausrücken aus dem Betriebshof ab und wird den GTW gleich mit einem Stahlseil um die Kurve in Position ziehen. Heutzutage undenkbar: mit dunkler Lederjacke, „Kippe auf dem Zahn“ und dann noch ohne Warnweste als Sicherungsposten! Aber Karl Theimann sah wohl eher in melancholischer Stimmung seine Wagen auf den Balkan entschwinden, denn seine eigene Sicherheit.
Derweil wartet ATW327 von einem VW Bus des Störungsdienstes abgesichert, auf das Festsetzen der nächsten Weiche um GTW83 wieder anzukuppeln und in Schlepp zu nehmen.
Die Schakus ausgehängt und ausgerichtet, angekuppelt...
...und los geht’s in Richtung Laderampe. IM GEGENVERKEHR !! Der nächste Gleiswechsel ist nämlich erst etliche Meter weiter in Höhe des ehemaligen Betriebsbahnhofes Wehringhausen, der bis 1967 unser Domizil war. Das alles geschieht auf einer der meist befahrenen Bundesstraßen im Raum Hagen, perplexe Autofahrer und irritierte Ordnungshüter sind keine Seltenheit – heutzutage wäre eine solche Aktion bar jeder Genehmigung!
In Höhe Schenker wird die dritte Weiche unter den wachsamen Augen von Karl Theimann verkeilt, aber der „rostige“ Benner, seit mehr als 30 Jahren erfahrener Vorhandwerker im Gleisbau, versteht seinen Job. Die Fahrgäste im Ludewig 1 ½ Decker des Spätkurses nach Breckerfeld trauten Ihren Augen nicht: Mehr als zwei Jahre nach Einstellung der Linien nach Haspe hier wieder eine Bahn zu sehen! Das glaubt doch Keiner!
Die Weiche liegt und GTW83 wird Richtung Verladerampe gedrückt; trotz geparkter LKW auf dem Speditionsgelände passt es um „Sackhaaresbreite“! Unser Schlosser-Vorhandwerker Reinold Jacobi sah den Wagen im Geiste schon aufgeschlitzt.
Am Fuß der Rampe wird das Gespann bis zum nächsten Morgen abgestellt. Kollege Hesterberg lässt den Kopf hängen: Nicht nur in einen Hundehaufen getreten – auch noch Nachtwache schieben, damit kein Unfug an den Wagen getrieben wird, oder auch noch die letzten DÜWAG Pastillen verschwinden. Nicht nur die Nächte sind kalt, auch das politische Klima: Die RAF ist in diesem Herbst 1977 schwer aktiv.
Weiter gehts in Kürze in Teil 2....