Basel: Die neue Flexity der BVB
geschrieben von: NVB
Datum: 22.05.12 17:13
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Basler Sonntagszeitung:
Die neue Flexity der BVB
Ganz beiläufig werfen die BVB ihre Beschaffungsphilosophie über den Haufen – mit Kostenfolgen
Die BVB erneuern ihre Tramflotte nun auf einen Schlag. BVB Chef Martin Gudenrath argumentiert
mit finanziellen Vorteilen. Damit stellt er aber die ganze Beschaffung infrage.
VON CHRISTIAN MENSCH
Martin Gudenrath, Verwaltungsratspräsident der BVB, hatte einen Masterplan. Visionär war seine Perspektive, als er die Erneuerung der Basler Tramflotte an die Hand nahm: Eine erste Staffel dreissig neuer Trams sollte bis 2017 die Stadt befahren, die zweite Staffel bis 2023 in gleichem Umfang folgen. 51 Fahrzeuge gleichen Typs könnten zudem und optional bis 2025 zu gleichen Konditionen gebucht werden.
Die Tramanbieter murrten zwar ob dieser für sie unattraktiven Ausgangslage: Keiner von ihnen weiss, ob er überhaupt und welche Trams er in einigen Jahren im Angebot haben wird. Doch Bombardier, der kanadische Konzern, ging auf den Poker ein und offerierte sechzig Fahrzeuge des Models Flexity für gerade 220 Millionen Franken. Gudenrath frohlockte. Die BVB hätten dank seinem genialen Schachzug über hundert Millionen Franken gespart.
BISHER UNBEMERKT, weil gut verpackt, publizierte die Basler Regierung Ende März im Rahmen eines Ratschlags das Kleingedruckte von Bombardiers Offerte: Ein Fixpreis gilt nur für die ersten dreissig Stück. Bereits die zweite Staffel birgt für die BVB sowohl erhebliche Währungsrisiken (12 Millionen Franken) wie umfassende Teuerungsrisiken (35 Millionen Franken). Gudenraths Masterplan hat weitere Risse: Bei einer gestaffelten Trambeschaffung müssten die BVB nach eigenen Angaben für die Umsetzung des Behinderten-Gleichstellungsgesetzes sechs Millionen Franken aufwenden, um alte Fahrzeuge für eine Restlaufzeit von gerade sieben Jahren behindertengerecht aufzurüsten. Ein Aufwand, den man sich bei einer Kompaktbestellung sparen kann.
IN ALLER HEIMLICHKEIT beschloss der BVB-Verwaltungsrat deshalb, auf die Staffelung zu verzichten und die sechzig Trams in einem Schub bis Ende 2016 auf die Schienen zu stellen. Zur Finanzierung beantragte er bei der Regierung ein verzinsliches Darlehen über 185 Millionen Franken. Im Ratschlag, den die Basler Regierung dem Parlament unterbreitet, werden nur die Vorzüge der Massenbestellung ausgeführt: Dank grösstmöglichen Synergien und Effizienzgewinnen durch eine vereinheitlichte Flotte würden sich jährlich wiederkehrende Einsparungen in der Höhe von sechs Millionen Franken ergeben. Gudenrath, der Zauberer.
Von der neuen BVB-Buchhaltung – entweder Risiken von knapp fünfzig Millionen Franken zu schultern oder jährlich sechs Millionen Franken zu sparen – liess sich Regierungsrat Hans-Peter Wessels blenden. Begeistert ob seinem innovativen BVB-Vordenker beantragt er dem Grossen Rat, dem Darlehensbegehren der BVB sei zuzustimmen.
Dabei hatte Gudenraths Masterplan durchaus seine kostensparenden Vorteile. Wird die zweite Serie unmittelbar mit der ersten bestellt, beginnt auch für diese Trams die Amortisationsphase rund fünf Jahre früher. Was bedeutet, dass sich innerhalb dieser Frist neben zusätzlichen Zinsauch Amortisationskosten von jährlich rund 5,5 Millionen Franken in der Bilanz niederschlagen werden. Gesamtbetrag: Mindestens 25 Millionen Franken. Gleichzeitig werden fahrtüchtige Trams vorzeitig aus dem Betrieb genommen, obwohl sie buchhalterisch abgeschrieben und deshalb im Betrieb günstiger sind als jedes neue und noch so energieeffiziente Neugefährt.
So fraglich die Vorteile für die BVB tatsächlich sind, so handfest sind die Kostenersparnisse für den Lieferanten Bombardier, der sich zuvor schon aller Teuerungs- und Währungsrisiken entledigt hatte: Statt mit einem grossen Unterbruch jeweils dreissig BVB-Fahrzeuge produzieren zu müssen, kann er nun in einer Produktionslinie sechzig Fahrzeuge en suite vom Band lassen.
Martin Gudenrath wäre aber nicht Stratege, würde er seine Argumentation nicht flexibel den Gegebenheiten anpassen. Nachdem seine BVB vergangene Woche in der Öffentlichkeit noch als Betrieb von blau-feiernden Chauffeuren in der Kritik gestanden waren, setzte er Anfang Woche über die «Basler Zeitung» die vermeintlichen Good News der kompakten Neuwagen-Beschaffung in die Welt. Mit der Begründung, es sei ihm eben zu lange gegangen, präsentierte er sich der Öffentlichkeit als Macher. Tags darauf durfte sich in der «Basler Zeitung» ein Bombardier-Direktor in Szene setzen: Bombardier habe sich dem Wunsch der BVB nach einer rascheren Lieferung der Fahrzeuge gebeugt.
WAS IN BRANCHENKREISEN einen herzlichen Lachanfall auslöste, hat einen handfesten Hintergrund: Stellte sich heraus, Bombardier hätte selbst um einen Verzicht der Staffelung ersucht, wäre dies ein Verstoss gegen die Regeln der öffentlichen Ausschreibungen und des kantonalen Submissionsgesetzes. Ein Rekurs der unterlegenen Anbieter wäre so sicher wie ein entsprechendes Urteil des Gerichts. Was heisst: Die BVB dürfen nun nicht einmal bei Bombardier einen Teil ihres Zusatzgewinns einfordern. Auch dies wäre ein Verstoss gegen die Regeln der Ausschreibung. Gudenrath hat gepokert, Bombardier hat gewonnen.
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