Re: Ratzeburg 1979
geschrieben von: Regio ZuB
Datum: 09.09.10 02:05
Hallo zusammen,
Birgers Artikel könnte man zu einer Dissertation ausbauen, da der Untergang des Bahnhofs (und vorübergehend Doppelblockstelle) viele Väter hat (Wiedervereinigung, Mora C, Entfall der FD-Züge und Kurswagen, autofeindliche Politik aller Parteien).
Als Ex-Ratzeburger einige Erfahrungen und Erinnerungen von mir...
Mein Vater kam Anfang der 1960er zur Bahnmeisterei Ratzeburg, hat dann geheiratet - und ich war Anfang der 1990er Fdl auf "Rf"; wir wohnten in einer Straße, wo die Grundstücke gegenüber am V-Einschnitt der Kleinbahn lagen. Meine Oma stammte aus Ziethen und zog 1938 nach Ratzeburg, sie konnte sich daran erinnern, daß ihr die Kleinbahn erschien, wenn sie mit frischer Milch zur Meierei am alten Ratzeburger Stadtbahnhof mußte, um dort Käse zu holen.
Viele teils nicht mehr stehende Bauten rund um den Bahnhof Ratzeburg (wo das "F" im DS100-Kürzel "ARF" herkommt, wird mir nie richtig klar - oder steht das für "Fahrdienstleiter"?) machten das Ensemble erst vollständig, z.B. das ehem. Wohnhaus an der Bahnhofsallee, wo jetzt ein Bäcker bzw. eine Tankstelle stehen. Oder die Stellwerke "Rm" oder "Rw", von letzterem überlebte noch der Kurbelbock für die zwei Paar Doppelschranken auf der Oldesloer Seite. Oder die Kopf- und Seitenladerampe am Reststummel der Kleinbahn, der noch Anfang der 1980er Jahre mit Ed-Wagen (später als Fc bezeichnet) über's Hecktor bis zum Anschluß Martinsen bedient wurde. Der Oldesloer Stummel erhielt über den Anschluß Dittmann noch bis ca. 1993 sehr selten einen E-Wagen zur Abfuhr von Eisendrehspäne. Neben der Möllner Übergabe kam mittwochs die Fuhre für das Kaufhaus Mohr (zwei oder drei G-Wagen), die Stangen-Köf ging zurück als Lz nach Lübeck (meist nach ausgiebigem Frühstück beim o.g. Bäcker). Während der Erdbeer- und Tannschlagsaison gab es auch ohne Aufkommen eine Sperrfahrt nach Schmilau, wo die Güter an Bord der V60 oder Köf III Platz hatten. Die "Trassennutzungsgebühr" betrug i.d.R. einen Korb Erdbeeren... ("wir woll'n mach schauen, ob schon ver/entladen wurde...")
Der Blick auf den Fahrplan... Letzter großer Schnellzug war der Fehmarn(-Expreß), im Winter abgelöst von einem sonntäglichen Schnellzug von Düsseldorf nach Kiel. Die eine einseitige Kurswagenverbindung Berlin - Kopenhagen mit Betriebshalt in Ratzeburg soll ignoriert werden... Kurswagen nach Freudenstadt, Wiesbaden, Berlin Stadtbahn an den Eilzügen nach Kreiensen... Ehe in der zweiten Hälfte der 1980er ein vernünftiger Taktverkehr eingeführt wurde, gab es viele typische Lücken, meist von 9 bis 11 und am Sonntagnachmittag. Noch in den späten 70ern jedoch fuhr meine Mutter mit dem Eierkopf oft gegen 10 nach Lübeck zum Einkaufen - bei uns hieß er damals Hausfrauenzug. Adäquate Busse gab es nicht immer. Anderseits kam später in jener Lage eine V100 mit einem Dm und einem MDyg als Expreßgüterzug - was dem Schalterbeamten G. S. immer Streß bereitete. Oder jene Lücke am Sonntagnachmittag von 14 bis 16 Uhr. Ende der 1980 waren der User "Gleis 21" und ich in einer Möller Tanzschule auf Jagd (es gab zu 218 & Co nette Abwechslungen...), aber der Weg dorthin führte uns high noon im Fehmarnexpreß nach Lüneburg zum Loks schauen, um dann zurück mit dem Gegenzug nach Mölln zurück zur Hasenjagd fahren. Und wie schön war es montags, nach der Tanzstunde in Mölln um 19:07 in den Freudenstädter Kurswagen den IZB für die Sammlung einzustecken. Und ja, ich erinnere mich, daß ich am Beginn des Sommerfahrplans die ICE-Premiere in Kassel sausen ließ, weil ich am Cheyenne-Club mit Blick auf das Möllner ESig beim ersten Zug früh morgens mit der neuen Flamme knutschend im Auto saß. Das tut jetzt aber nix zur Sache.
Der Ortsgüterverkehr war nie richtig stark, da die meisten Fuhren von außerhalb kamen. Rautenberg (jenes Silo im Bericht) bekam immer weniger Düngemittel oder Getreide - das Anschlußgleis (Gl. 27) kreuzte die B208 außerhalb des Bahnübergangs beim Stellwerk "Rn", sporadisch standen dort mal Snps zur Holzverladung. Auf der Westseite befand sich große Rübenverladeanlage, die Treckeranhänger anhieven und in die E-Wagen kippen konnte. Und sonst? Die erwähnten Wagen für Mohr waren es am Ende; sie wurde leer am Donnerstag zurück nach Lübeck gebracht. In Schmilau bekam Rattey öfters Kohlewagen, Scharnweber hat in Hollenbek auf/in (?) vierachsige Doppelflachwagen verladen. Offiziell sollten alle von und nach Schmilau verkehrenden Fahrten auf Signal gehen (möglichst nicht auf Ersatzsignal, Befehl oder gar Zuruf). Nach Hollenbek war das kein Problem - aber zurück! Denn mangels Endsignal konnte man aus Hollenbek nur nach Gleis 21 oder 22 einfahren, aber nicht nach Gleis 1 oder 3 (Gleis 2 war das Umlaufgleis zu Gleis 1). Alternativ gab es vorübergehend die theoretische Möglichkeit, mit Vorsichtsbefehl bzw. Befehl C nach Gleis 1 einzugaren, wozu eine Fahrstraßenauflösungstaste abseits des Blockkastens installiert wurde. Die funktioniert jedoch selten, so daß die rückkehrende Sperrfahrt sich am Klingelkasten (ugs. für F-Bude) meldete und auf Zuruf reingeholt wurde.
Die Strecke Lübeck - Büchen (- Lüneburg) sah Anfang der 1990 nachmittags/abends bis zu drei KLV-Züge in Richtung Süden, einer auch am Sonntag; nordwärts war es nur einer und das auch nur am Samstag. Dazu kamen anderthalb Dg-Paare Maschen - Rostock-Seehafen am Morgen. Wenn ersterer in Richtung Norden ausfiel, hieß das zu meiner Zeit als Fdl in Güster 70 Minuten Schlaf... Als Rundablöser als Fdl in Ratzeburg und Güster sowie in den FKa'n Büchen und Schwarzenbek habe ich es auch nur anderthalb Jahre ausgehalten, ehe die BL ausschrieb und die Langeweile durch Wegfall der Güterzüge und Einführung des Taktverkehrs kam.
Einen Blick vors EG. Der erst in den 90ern umgestaltetet, uneben gepflasterte und mit häßlichen Betonblumenkübeln geschmückte Bahnhofsvorplatz war damals noch auf der Nordseite, wo die Stadtbusse (übrigens von Magirus Deutz - auf Stefans Bild ist ein Bus mit Mohr-Werbung zu erkennen) abfuhren; nach dem letzten Umbau wurde die Anlage auf die Ostseite verlegt, wo früher die Personenzüge nach Neumünster oder Hagenow Land abfuhren. Bahnsteige gab es auf der Reichsbahnseite an Gleis 1 (noch vorhanden) und Gleis 2 - jenes Foto mit dem Aufsichtsbeamten und dem VT95 aus den 50ern kennt Ihr vielleicht aus dem "Bundsbahnzeit"-Album).
Auf der LBE-Seite trugen die Gleise 20er-Nummern. Jener berühmte "Sänger", der die Besucher mit "Ratzeburg, hier ist Ra-tze-burg, Gleis einun-zwannn-zig" begrüßte, ward zur Institution. Das EG wurde im Rahmen einer Neufarbgebung Anfang der 90er von dunkelrosa in quittegelb umgestrichen, auch das Innere - zumindest im Erdgeschoß - umgebaut wurde. Der Westausgang wurde dichtgemauert, der alte Durchbruch zur Oldesloer Seite wurde (zu den Bussen) wieder aufgemacht, wo sich das Herrenurinal befand. Und aus den beiden dunklen Sprechlöchern der Fka und ihrer GePa-Rolltür wurde ein freundlich-helles Reisezentrum. Die Kollegin hat es dort in wenigen Jahren geschafft, alle Umsatzzahlen überzuerfüllen - und mußte trotzdem dichtmachen. Das private Reisebüro schaffte es nicht, sie zu ersetzen - und schon wurde sie wieder eingesetzt. Kompetenz zahlt sich aus!!! Aus dem manuellen Verkauf mit Aufwertung zum Verkauf aus dem MT bis hin zur Einrichtung eines Kurs'90-Terminals hat sie alle Hürden gemeistert - selbst die Jahresmindestumsatzsumme von 1,3 Mio. DM.
Was fällt mir noch ein? Irgendwann Ende der 80er stand in der Zeitung, daß eine V200 mit einem Sonderzug durchfahren sollte. Er kam auch durch mit über zwei Stunden Verspätung. Aber das habe ich mit einem Kumpel in der Bahnhofskneipe (wo an der Wand Modelle in Vitrinen standen) fast verpaßt. Der Betreiber der Kneipe hatte auch Brötchen im Kioskangebot, aber stets zur falschen Zeit, und Kunden, die bei ihm klingelten und was kaufen wollten, wurden abgemistet. Eigentlich ein weiterer Grund für den Niedergang des Bahnhofs!
Im Mai 1975 gab es zwischen Schmilau und Hollenbek einen schweren Unfall: Der Strecken-Fdl in Ratzeburg ließ einen in Schmilau wartenden Skl nach Hollenbek abfahren, obwohl die Köf II von Hollenbek mit ihren beiden Düngerwagen noch nicht eine Ankunftsmeldung in Schmilau gegeben hatte - beide prallten im Wald bei Althorst zusammen, wobei drei DB-Arbeiter schwerst verletzt wurden. Merkwürdigerweise wurde das entsprechende Fernsprechbuch bis zur Gerichtsverhandlung gegen den Fdl im Herbst 1977 entsorgt...
Dann war da noch 628/928 206, der kurz vor Weihnachten 1992 mit Radreifenbruch in Ratzeburg bei der Durchfahrt bei Tempo 100 entgleiste - die Spuren sind zwischen der jetzigen Einfahrweiche aus Ri. Mölln und dem ehem. Bahnsteigende noch in den Schwellen erkennbar.
Nach Hollenbek bin ich dreimal mitgefahren, einmal im Rahmen eines Bahnhofsfestes in Mölln (Patzenhofer?) mit 212 und Donnerbüchsen, einmal während der Ausbildung auf einer 335 und einmal auf einem Spritzzug auf 212 115. Schade, daß meine Fotos von damals so grottig sind, daß sie nicht mal dokumentarischen Wert besitzen - und daß ich zu deppert bin, sie hier einzustellen:-)
Beste Grüße
Holger
Edith fand Tipfehler
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