Die WNB-Strecke Korntal - Weissach
und ein paar Vorbemerkungen zu allen damaligen WNB- und WEG-Bahnen
Gern erinnere ich mich an den Musikunterricht im Korntaler Gymnasium. Schließlich war der Musiksaal das einzige Klassenzimmer der Schule mit Blick auf die Strohgäubahn. Dazwischen befanden sich damals nur eine Straße und eine Obstbaumwiese. Die Obstbäume sind längst Geschichte, da ist später ein Fußballplatz angelegt worden, und an dem Gleis befindet sich heute an dieser Stelle der Hp. Gymnasium Korntal. Dieser wurde schon zu meiner Schulzeit von den Elternvertretern gefordert, konnte aber aus technischen Gründen noch nicht realisiert werden: Die damalige Motorisierung der Schülerzüge (1 VT mit 2x210 PS und 4 - 5 Zweiachs-Beiwagen) ließ ein Anfahren in der Steigung nicht zu.
Wer ein altes Kursbuch zur Hand hat, wird schnell ernüchtert feststellen, daß damals vormittags eigentlich nichts auf der Strecke fuhr. Es gab aber noch einen Güterzug, der vormittags von Korntal nach Weissach und nachmittags zurück fuhr. Dieser war immer mit zwei Triebwagen bespannt, häufig vorn mit dem VT 01 WNB und hinten dem T 10 Wüna. Das war notwendig, da damals der Bahnübergang unmittelbar hinter der Ausfahrt aus dem Bahnhof Korntal und direkt am Fuß der Steigung zur Autobahn noch nicht technisch gesichert war und nur mit 10 km/h passiert werden durfte. Da konnten und mußten die Züge erst in der Steigung beschleunigen.
WNB – Wüna ?
„Wüna“ war die Abkürzung für „Württembergische Nebenbahnen AG“, nach Umwandlung in eine GmbH firmierte die Bahn als „WNB“ Württembergische Nebenbahnen GmbH. Nichtsdestotrotz wurde die alte Bezeichnung „Wüna“ auch bei Umlackierungen und späteren Fahrzeugkäufen weiterverwendet. Das Nummernsystem der Fahrzeuge war schon damals mit der WEG insofern abgestimmt, als es keine Nummern doppelt gab. Hinter der Fahrzeugnummer war immer die Eigentümer-Bahn angegeben. Mitte der 1970er-Jahre sah der Triebfahrzeugpark aller damals noch betriebenen WNB/WEG-Bahnen so aus:
 | VT 01 WNB | (Eigenbau/Auwärter 1969) |
| eingesetzt auf Korntal - Weissach |
| Foto: bei Korntal am 13.3.1978 |
 | T 02 WEG | (Gotha 28058/1934, neuer Aufbau) |
| eingesetzt auf Reutlingen – Gönningen (WNB-Strecke!) |
| Foto: abgestellt in Neuffen am 29.12.1982 |
 | T 03 WEG | (Wegmann 35252/1926) |
| eingesetzt auf Vaihingen – Enzweihingen bis 1975 |
| Foto: abgestellt in Enzweihingen am 23.5.1977 |
 | T 04 WEG | (Wegmann 35254/1926) |
| eingesetzt auf Gaildorf – Untergröningen bis 1975, dann Vaihingen - Enzweihingen |
| Foto: Enzweihingen, 13.6.1983 |
 | T 05 WEG | (Fuchs 9055/1956) |
| eingesetzt auf Amstetten - Gerstetten |
| Foto: Amstetten, 21.2.1977 |
 | T 06 WEG | (Fuchs 9056/1956) |
| eingesetzt auf Bad Friedrichshall-Jagstfeld - Ohrnberg |
| Foto: Neuenstadt/Kocher, 30.6.1977 |
 | VT 07 WNB | (Fuchs 9059/1956) |
| eingesetzt auf Korntal – Weissach |
| Foto: Weissach, 15.9.1977 |
 | T 08 WEG | (Fuchs 9057/1956) |
| eingesetzt auf Korntal – Weissach |
| Foto: Korntal, 6.5.1975 |
 | T 09 WEG | (Eigenbau/Auwärter 1964) |
| eingesetzt auf Ebingen - Onstmettingen |
| Foto: Albstadt-Onstmettingen, 15.3.1984 |
 | T 10 Wüna | (Esslingen 23343/1951) |
| eingesetzt auf Korntal - Weissach |
| Foto: Münchingen, 25.8.1982 |
 | VT 11 WEG | (Dessau 10629/1928) |
| eingesetzt auf Nürtingen - Neuffen |
| Foto: Nürtingen, 16.2.1978 |
 | T 20 WEG | (Esslingen 23493/1952) |
| eingesetzt auf Nürtingen - Neuffen |
| Foto: Frickenhausen, 14.3.1984 |
 | T 21 WNB | (MAN 143403/1957) |
| eingesetzt auf Korntal - Weissach |
| Foto: bei Münchingen am 14.4.1981 |
 | T 22 Wüna | (MAN 143554/1958) |
| eingesetzt auf Korntal - Weissach |
| Foto: bei Kontal am 22.7.1983 |
 | T 23 WEG | (Gmeinder 5442/1968) |
| eingesetzt auf Nürtingen - Neuffen |
| Foto: Ohrnberg, 25.11.1993 |
 | T 24 WEG | (Gmeinder 5443/1968) |
| eingesetzt auf Nürtingen - Neuffen |
| Foto: Kochersteinsfeld, 25.11.1993 |
 | T 30 WNB | (Fuchs 9053/1956) |
| eingesetzt auf Aalen – Dillingen bis 1972, Amstetten – Laichingen ab 1976 |
| Foto: Laichingen, 16.6.1981 |
 | T 31 Wüna | (Fuchs 9054/1956) |
| eingesetzt auf Aalen – Dillingen bis 1972, Amstetten – Laichingen ab 1981 |
| Foto: abgestellt in Laichingen am 21.2.1977 |
 | T 33 WNB | (Wismar 20333/1934, neuer Aufbau) |
| eingesetzt auf Aalen – Dillingen bis 1972, dann abgestellt in Laichingen |
| Foto: abgestellt in Laichingen am 16.6.1981 |
 | T 34 WEG | (Wismar 20279/1937, modernisierter Aufbau) |
| eingesetzt auf Amstetten - Laichingen |
| Foto: Amstetten, 21.2.1977 |
 | T 35 WEG | (Fuchs 9107/1955) |
| eingesetzt auf Amstetten – Laichingen 1971 – 1976, heute HSB-187 012 |
| Foto: als 187 012-0 (HSB) am 2.4.2004 in Gernrode |
 | T 36 WEG | (Fuchs 9058/1956) |
| eingesetzt auf Gaildorf – Untergröningen seit 1975, umgespurt von Meterspur auf Normalspur |
| Foto: Untergröningen, 25.2.1985 |
 | T 37 WNB | (MAN 145169/1960) |
| eingesetzt auf Amstetten – Laichingen |
| Foto: bei Machtolsheim am 30.1.1978 |
Die „Briefmarken“ könnt Ihr anklicken, dann bekommt Ihr die Bilder in gewohnter Größe. Die angegebenen Einsatzstrecken beziehen sich auf Mitte der 1970er-Jahre, die Aufnahmeorte von späteren Bildern weichen teilweise davon ab.
Einzige erkennbare Systematik bei den Nummern war zunächst, daß die Meterspur-Triebwagen die Nummern 30ff. hatten. 1982 wurden dann die Normalspur-Vierachser umgenummert und erhielten folgende Nummern (offensichtlich in der Reihenfolge ihres Alters):
| VT 11 WEG | -> | VT 401 WEG |
| T 10 Wüna | -> | VT 402 WNB |
| T 20 WEG | -> | VT 403 WEG |
Von den oben aufgeführten Triebwagen waren T 21, T 22 und T 33 einmotorig, VT 11, T 30 und T 31 viermotorig(!), alle anderen zweimotorig
Die späteren Zukäufe zeige ich dann an passender Stelle.
Die Bahnlinie von Korntal nach Weissach wurde am 14.8.1906 eröffnet. Vom Bahnhof Korntal steigt sie stark an bis zum Scheitelpunkt, der sich heute unter der Autobahnbrücke der A 81 befindet. Von hier geht es bergab über Münchingen und Schwieberdingen zur Glemsbrücke, hinter der die Strecke noch einmal über Hemmingen und Heimerdingen ansteigt, bevor es in einer weiten Schleife (die Gegend nennt sich „Bonlanden“, hier lag auch noch ein Ladegleis versteckt im Wald) hinab nach Weissach ging. Bis 1972 gehörten alle Anliegergemeinden außer Schwieberdingen zum Landkreis Leonberg, Schwieberdingen zu Ludwigsburg. Seither gehört Weissach zum Landkreis Böblingen, die anderen Gemeinden zum Kreis Ludwigsburg, wobei Heimerdingen zu Ditzingen eingemeindet wurde
(Daraus erklärt sich auch das heute geringe kommunale Interesse am Bahnanschluß von Heimerdingen). Damals waren die Kommunen zwar noch nicht Besteller des Nahverkehrs, doch wirkte sich die Politik über den Schülerverkehr auf die Bahn aus: Als ich 1969 auf das Gymnasium kam, reichte der Einzugsbereich noch bis Weissach, Mitschüler aus Schwieberdingen hatte ich dagegen keine.
Wie auf vielen Nebenbahnen, gerade auch der WNB und WEG, machte der Schülerverkehr den wesentlichen Teil des Personenverkehrs aus.
Nachdem zum Sommer 1975 die Durchläufe bis Stuttgart-Zuffenhausen entfielen, wurde dieser Fahrplan (hier aus dem Winterkursbuch 1975/76) über mehrere Jahre fast unverändert gefahren. Auffallend ist hier, daß mittags nach Schulschluß ein Buskurs angeboten wurde. Dieser hat seinen Grund in einem schweren Unglück, als im Sommer 1969 zwischen Münchingen und Schwieberdingen zwei Triebwagen frontal kollidierten. Statt des fast leeren Zuges Nr. 23 strich man den Gegenzug aus dem Fahrplan und ersetzte ihn durch einen Buskurs. Das schlichte Omnibussymbol im Kursbuch verrät allerdings nicht, daß es sich hierbei um zwei Doppeldecker und einen Gelenkbus handelte!
(Leider habe ich als Eisenbahnfreund die Busse damals mit Verachtung gestraft). Über dieses schwere Unglück auf der Strecke findet Ihr mehr in
Teil 5 dieser Serie. Dabei waren die Triebwagen T 21 und T 22 beteiligt, die ich erst wieder 1976 bzw. 1975 im Einsatz sah. Der VT 01 (II) verdankt seine Fertigstellung auch diesem Unfall. Auwärter hatte bereits 1963/64 eine Serie Wagenkästen an die WNB und WEG geliefert. Aus einem davon baute die WNB-Werkstatt den VT 01 WNB (II). Der Einsatz des T 08 WEG aus Onstmettingen endete, als die beiden MAN wieder im Einsatz waren.
Nach soviel Theorie hier noch ein bißchen was zum Angucken.
Im Mai 1977 fuhr die WNB in Korntal bereits von Gleis 7, der Güterschuppen stand aber noch. Da gab es immer wieder interessante Zugbegegnungen, wie hier am 16.5.1977 mit 194 181 und T 10 Wüna:
150 172 brachte am 3.8.1977 die 323 839 aus dem AW Nürnberg in ihre Heimat Villingen, als VT 01 WNB auf Fahrgäste wartete:
Auch der nächste Güterzug war interessant: 150 169 hatte 194 179 am Haken. Links stand T 10 Wüna:
In Heimerdingen rangierte am 29.8.1977 VT 01 WNB:
Hier ist T 22 Wüna gerade in der großen Schleife vor Weissach, direkt hinter dem Triebwagen bei den dunklen Tannen befindet sich die ehemalige Ladestelle Bonlanden (29.8.1977):
Auf diesem Bild, wenige Sekunden später aufgenommen, läßt sich der Streckenverlauf dank des Bahnüberganges über dem Triebwagen gut verfolgen:
Der nächste Zug war dann der Güterzug aus Weissach, der an diesem Tag mit T 10 Wüna und T 22 Wüna gefahren wurde:
Danach hatte ich erst einmal Zeit, um nach Weissach zu radeln. Hier befindet sich die Hauptwerkstätte der WNB
(die der WEG-Bahnen ist in Neuffen). An diesem Tag verlor gerade der Beiwagen 206 seinen creme/roten Anstrich ...
... und dann traute sich auch noch der T 21 WNB aus dem Schuppen:
Bevor ich nach Hause fuhr, wartete ich in der Schleife Bonlanden auf VT 01 WNB mit Beiwagen 203 WNB:
Nach 7 Jahren habe ich die Bilder komplett und den Text teilweise überarbeitet.
Viele Grüße
Stefan
Hier die Links zu den weiteren Teilen dieser Serie:
Teil 2 -
Teil 3 -
Teil 4 -
Teil 5 -
Teil 6 -
Teil 7 -
Teil 8 -
Teil 9 -
Teil 10 -
Teil 11a -
Teil 11b -
Teil 12 -
Teil 13 -
Teil 14
100 Jahre Strohgäubahn
1-mal bearbeitet. Zuletzt am 2012:05:26:17:19:10.